Adventure Manufactory



Donnerstag, 8. September 2011
Am Morgen während unseres Frühstücks fühlen wir uns versetzt in den Wild Wild West. Ein kirgisischer Cowboy samt Pferd und Kind treibt seine Kuh Herde entlang unseres Autos den Berg hinauf, hält mit Erwin ein Pläuschchen und lässt uns auf seinem Pferd sitzen - Yiiiiihaaaa!
Kurz darauf machen wir uns auf den Weg und kommen immer mehr in den Genuss dieser kargen, rauen und wunderschönen Landschaft. GENA scheint da allerdings anderer Meinung zu sein und der gefürchtete Höhenkollaps setzt ein. Das Kühlwasserlämpchen signalisiert uns erste Überhitzungserscheinungen. Verdammt! Das Problem für uns ist, dass wir keine Temperaturanzeige haben, das heißt das Lämpchen leuchtet auf, wenn es eigentlich schon zu spät ist. Unsere Ventilatorüberbrückung zur Kühlung des Motorraums kommt also schon viel früher zum Einsatz als erwartet. Das eigentliche Problem ist erneut der nicht druckdichte bzw. passende Kühlwasserring. Nachdem wir mit diesem Problem seit dem Verlassen des europäischen Kontinents nicht mehr konfrontiert waren, trifft es uns jetzt umso härter.
Zu Beginn glauben wir außerdem, dass GENA uns einen kleinen Streich spielen möchte und fahren den ersten 3000m Pass ohne Wassernachfüllen hinauf, da das Lämpchen nach kurzer Standpause auch immer wieder aufhört uns grell ins Auge zu stechen.
Der Pass selbst erinnert mehr an einen großen Steinbruch mit seinen serpentinenartigen Geröllstraßen, die uns und all die LKW auf über 3000m bringen. Natürlich ohne jegliche Leitplanken oder andere Sicherheitsvorkehrungen die einen vor dem möglichen Sturz bewahren könnten. Wer braucht so was schon. Von dieser Höhe aus haben wir auch einen atemberaubenden Blick auf das vor uns liegende Gebirge mit seinen schneebedeckten Gipfelspitzen – der erste Teil des s.g. Dachs der Welt.
Lese ich da etwa "Deutsche Mark"?!?
Wir machen Halt im letzten Dorf vor der Grenze und können unseren Augen kaum trauen, als wir eine ARAL Tankstelle mit deutschen Aufschriften (DM und €) auf den Zapfsäulen finden. Hier gibt es für GENA 20l feinstes 92er Oktan Benzin - und das wortwörtlich am Ende der Welt. Wir sind entzückt (Naja, Erwin, der Mann, würde wohl ein anderes Wort benutzen, aber ich bin „entzückt“, basta). Im Dorf kommen wir auch zum ersten Mal in Kontakt mit den Fahrradtouristen, die das Pamir-Gebirge bepackt bis obenhin mit dem Fahrrad bewältigen. Und wir dachten, wir seien nicht ganz dicht!
Die kirgisische Grenze liegt auf 3800m. Nachdem man uns ca. eine halbe Stunde vor dem Stacheldrahtzaun hat warten lassen, werden wir hereingewunken und die Soldaten haben wahrlich ihren Spaß mit uns an diesem abgelegenen Grenzposten. Der höchste Offizier fährt mit Nadine als Beifahrer ein wenig durch das abgesteckte Gelände und wir dürfen diesen Spaß sogar mit der Kamera aufnehmen. Er ist von GENA angetan und spricht erste Kaufangebote aus.
Die letzte Information, die wir erhalten, bevor es für uns weitergeht: es wird wohl ein wenig dauern bis wir die tadschikische Grenze erreichen werden. Diese liegt auf 4600METERN!!!!
Kurz nach der Grenze – also eigentlich zwischen den Grenzen - nutzen wir noch schnell den Handyempfang, um Nadines Vater anzurufen und Tipps bezüglich GENAs Höhenkrankheit zu erhalten. Sollen wir irgendetwas an der Einspritzung ändern? Der Rat vom Experten: „Finger weg bevor ihr noch was kaputt macht“.
Wo ist die Straße abgeblieben???
Kurz nach der Grenze – also eigentlich zwischen den Grenzen - nutzen wir noch schnell den Handyempfang, um Nadines Vater anzurufen und Tipps bezüglich GENAs Höhenkrankheit zu erhalten. Sollen wir irgendetwas an der Einspritzung ändern? Der Rat vom Experten: „Finger weg bevor ihr noch was kaputt macht“.
Weiter geht’s - bis plötzlich vor uns ein ca. 30m langer Abschnitt der Straße nicht mehr vorhanden ist - äh, okay! Wir nutzen die Gelegenheit, um die gefühlten 300 Plastikflaschen, die wir gesammelt haben (und über deren Platzeinnahme Nadine sich ständig aufgeregt hat), mit Gletscherwasser zu füllen, um GENAs Durst und Verlangen nach frischem Kühlwasser nachzukommen. Ach ja, der Gletscherfluss ist schuld an dem 30m Loch in der „Straße“. Nachdem die Flaschen gefüllt sind, tüftelt Erwin an der besten Fahrspur und kommt somit endlich zu seinem lang ersehnten Offroad-Wassereinsatz und hat einen Mordsspaß dabei GENA durch das Geröll zu preschen. Wir sind ganz stolz auf GENA und genießen die atemberaubende Kulisse, die uns umgibt, und es entstehen sensationelle Bilder. Währenddessen überholt uns ein weißer Sprinter mit russischen Touristen. Einer von ihnen ist Deutschrusse aus München, so dass in der kurzen Palaverpause sowohl Erwin als auch Nadine ihre Story über die Rally erzählen können.

"Sag mal, hatten die nich was von Straßen gesagt?!?"

Der Aufstieg zur Grenze stellt Nerven und Geduld auf eine harte Probe. Wir müssen immer öfter anhalten um Wasser nachzufüllen. Die Steigung macht GENA ordentlich zu schaffen und man muss das Gaspedal mächtig durchdrücken damit überhaupt etwas passiert. Wenn man sich vorstellt, dass auf dieser Strecke auch LKWs fahren, irre! Kurz vor Erreichen der Grenze muss Nadine als Anfahrhilfe herhalten und läuft die restlichen 200m bis zum höchsten Punkt hinterher und kommt dabei ganz schön außer Atem. So Höhenluft ist wirklich dünn! Wir machen eine kurze Pause und es entsteht ein ganz lustiges Filmchen, indem wir über GENAs andauernden Hangover spaßen und uns klar wird, dass wir jetzt auf der Höhe des Mont Blanc herumhüpfen. Man merkt auch, dass der Wind uns ordentlich um die Ohren pfeift. Außer Windgeräusche hört man kaum etwas von unserem Geschwafel in der Aufnahme und außerdem fliegt uns auch die Kamera um.
Handtuch-Windblocker-Marke-Eigenbau!
Zwei Kurven später erwartet uns die tadschikische Grenze. Unser höchster Grenzposten! Nachdem alle Formalitäten geklärt sind und unser Gefährt mit drei Spritzern pro Reifen „desinfiziert“ wurde, machen wir uns auf den Weg um noch vor dem Dunkelwerden einen einigermaßen windgeschützten Platz zu ergattern. Schlussendlich schlagen wir das Zelt auf ca. 4500m direkt neben GENA auf, was unter den windigen Umständen gar nicht so einfach ist und Erwin opfert sein Handtuch als zusätzlichen Windschutz, so dass der Wind nicht so stark unter GENA hinwegfegt und auf das Zelt donnert. Die Nacht selbst wird stürmisch, unruhig und saukalt.

Der Teufel liegt im Detail
Freitag, 9. September 2011
Über die Nacht hat sich der Wind gelegt und wir taumeln nicht wirklich erholt und recht zerzaust aus dem Zelt. Wieder Katzenwäsche, ein bisschen frühstucken und los. GENAs Durst wird immer größer. Wir kommen keine 5km weit ohne anzuhalten und neues Wasser nachfüllen zu müssen. Wieder einmal fehlt ein Stück Straße, so dass die Kamera erneut Offroad-Action und Panorama aufnehmen darf. Kurz darauf erscheint vor uns aus dem Nichts eine Frau, die uns nach Hilfe fragt. Sie und ihr Partner (Touristen, keine Einheimischen) meinten, ohne 4Wheeler ins Gelände fahren zu müssen und stecken nun irgendwo im Nirgendwo fest. Da wir mit GENA nicht aushelfen können, gibt sie uns einen Zettel mit Angaben zu ihrem Standort und weiteren Infos, den wir im nächsten Dorf abgeben sollen. Wir haben Glück, kurz darauf stoßen wir auf eine Ansiedlung, denn vor allem der östliche Teil des Pamirs erscheint uns kaum bewohnt. An diesem Tag feiern die Tadschiken ihren Unabhängigkeitstag und so werden wir erst auf eine Tasse Tee und eine warme Suppe ins Haus eingeladen, bevor man sich unserer Botschaft zuwendet. Nachdem Erwin einige Zeit mit den Herren des Dorfes über die Situation gesprochen hat, über die wir selbst auch nicht mehr sagen können als auf dem Zettel steht, brechen wir auf und fahren weiter.
Das Tempo, mit dem wir vorankommen, ist weiterhin sehr frustrierend. Auch ist unser Auspuff direkt nach dem Katalysator durchgebrochen und wir versuchen mit ersten Maßnahmen, die hinteren 2/3 am vorderen Teil zu befestigen. Die Kreativität bezüglich des Panzerbands als Abdichtungswerkzeug erreicht Sphären jenseits von Gut und Böse, da wir nach jedem Mal Wassernachfüllen einen neuen Dichtungsring basteln und austesten. Erst nachdem wir eine weitere Pause an einem Bach einlegen um zum wiederholten Male unsere Flaschen aufzufüllen und wir dabei Unterstützung von drei Jungs bekommen, die sichtlich Spaß an unserem Auto haben, schaffen wir es, GENA komplett abzudichten. Zum Glück, denn kurz darauf erreichen wir unseren höchsten Pass mit 4655m!
Das Schild spricht Bände - auch wenn man kein russisch kann!
Ok, eigentlich ist es ein Plateau und wir fahren fast drei Tage lang auf über 4000m. Wir schwören uns, den gebastelten Dichtungsring, der endlich seine Aufgabe erfüllt, ab sofort nie wieder anzurühren. Tatsächlich leuchtet das Lämpchen erst wieder nach Beendigung der Rallye auf.
Lange Zeit fahren wir entlang eines Stacheldrahts, der die erste angedeutete Abgrenzung zu China darstellt. Wir waren dem großen Reich noch nie näher und werden es zumindest auf der Rallye auch nie sein! Den restlichen Tag über ist es uns möglich, die atemberaubende Landschaft mit dem seit diesem Tag dumpfen Rallyesound (wegen des abgebrochenen Auspuffs) zu genießen. Eine Pause mit spontanen Tanzeinlagen mitten auf dem Highway beweist, dass Höhenluft und GENAs neuer Sound verrückt machen. Verrückt nach mehr!
Wir überqueren noch einen 4200m hohen Pass und hoffen, diese Nacht auf unter 4000m verbringen zu können. Dieses Glück bleibt uns verwehrt und so müssen wir auch die zweite Nacht im Gebirge auf über 4000m verbringen, da kurz nach der Passüberquerung gegen sieben Uhr die Nacht schlagartig über uns hinein bricht.

Der 20 Std. Höllenritt
Samstag, 10. September 2011
An diesem Tag wollen wir in Duschanbe ankommen und es liegen noch um die 700km vor uns. Doch bevor wir starten können, müssen wir etwas mit unserem Auspuff anstellen, denn der vordere Teil schleift am Boden. Daher montieren wir die hinteren zwei Drittel ab und stecken diese - der Umwelt zuliebe - quer ins Auto. Den vorderen Teil mit Draht nah am Auto zu befestigen wird aufgrund der Temperaturen und dem daraus nicht vorhandenen Gefühl in den Händen kein Zuckerschlecken. Wir sehen aus wie Sau!
Nachdem sie Erwin verzehrt hatte machte sie sich an... naja, den Auspuff
Die Landschaft ändert sich mit der Zeit, es wird wieder grüner und milder, wir fahren durch Dörfer, die diesen Begriff auch verdienen, da sie nicht nur aus drei Hütten bestehen. Gegen zehn Uhr morgens kommen wir in Khorog an und mischen mal wieder 10L 80 Oktan mit ein paar schmackhaften Litern 92er Benzin.
Nachdem wir die Stadt hinter uns gelassen haben, fahren wir stundenlang parallel zu einem Fluss, der die natürliche Grenze zu Afghanistan darstellt. Trotz Zeitdruck können wir es uns nicht nehmen lassen, Steine über den Fluss zu schmeißen, um auf irgendeine Weise mit Afghanistan in Berührung zu kommen. Dies gelingt uns leider nicht. Hin und wieder sehen wir auch einen Soldaten der Armee entlang der Straße patrollieren, da über den Fluss viele Drogen geschmuggelt werden. Schilder warnen uns außerdem davor, uns von der Straße zu entfernen, da abseits davon manchmal noch immer Tretmienen zu finden sind. Da kommt Freude auf…
Wasser-Action, Neigungen, Geröllstraßen, Kinder die uns hinterherrennen - all das kann GENA nichts anhaben und so freuen wir uns auf unsere letzte Passüberquerung, die dieses Mal nur auf „lächerlichen“ 3253m liegt. Blöd nur, dass wir seit Khorog auf gefühlter Meereshöhe fahren und uns somit ein langer, zäher Anstieg bevorsteht, bei dem GENA nochmals alle Zähne zusammen beißen muss. Das Kühlwasserlämpchen lässt uns zum Glück in Ruhe, dafür meldet sich das Lämpchen für den Airbag zu Wort und möchte nicht mehr ausgehen – der hilft einem beim Absturz von diesen Klippen höchstwahrscheinlich sowieso nicht. GENA scheint langsam aber sicher die Schnauze voll zu haben.
Die Nacht fällt hier ein wie ein Vorhang auf der Bühne
Oben am Pass angekommen, wird es dunkel und wir haben noch um die 300km vor uns, die es in sich haben werden. Die Straßenverhältnisse werden noch schlimmer und in Verbindung mit der nicht vorhandenen Sicht pumpt durch Erwins Venen literweise Adrenalin. Die Polizisten an den Kontrollpunkten beschenken uns seitdem es Dunkel wurde immer öfter mit Essen. Wir scheinen wohl so fertig auszusehen wie wir uns fühlen. Als wir eine kurze Pause gegen Mitternacht einlegen im falschen Glauben, dass wir nicht weiter entfernt sein können von unserem Ziel als eine Stunde und wir uns ein wenig frisch machen wollen, hält plötzlich ein weißer Lexus an und drei junge Männer steigen aus. Es stellt sich heraus, dass sie großes Interesse an GENA haben - vor allem als sie erfahren, was GENA alles schon durchstanden hat. Nur nochmal erwähnt, die drei Männer fahren einen neuen, weißen LEXUS!
Gegen halb vier Uhr morgens am Sonntag, den 11. September kommen wir in Duschanbe an. Zu hören sind wir, dank fehlenden Auspuffs, schon lange davor – Wahrscheinlich hören die uns schon seit 2 Tagen und denken sich, wo bleiben die denn.
In der, um diese Uhrzeit, leeren Stadt dröhnt und hallt GENAs Sound in bis dahin noch nicht dagewesener Lautstärke. Das Team Malaka haben wir leider knapp verpasst - die Jungs mussten los, um ihren Flieger zu erwischen, damit sie am Montag wieder bei der Arbeit erscheinen können. Die wollten wir unbedingt nach dem Start nochmal widersehen – ist echt eine coole Bande gewesen. Aber die Organisatoren haben sich aus dem Bett gerollt und begrüßten uns mit einem kühlen Bier. So stehen wir eine Weile da, in einer Seitenstraße und schwätzen mit Hugh und Borris. Es scheint kaum noch unwirklich, dies alles. Krass, wir haben es echt gepackt. Die Organisatoren sind „extrem enttäuscht“, dass wir nicht mal einen Platten hatten, aber wir versichern Ihnen, das Abenteuer haben wir trotzdem erlebt!

Eine Woche Urlaub
11. bis 17. September 2011
Die Woche verfliegt Dank KÄRCHER Tadschikistan wie im Flug. GENA wird von und mit KÄRCHER komplett gereinigt, sodass er für die Auktion in vollem Glanze erstrahlen kann. Beim Reinigen kommen riesige Steinbrocken zu Tage und beim Zurückfahren ins Hotel fühlt es sich an, als hätten wir ein neues Auto. Die KÄRCHER Mitarbeiter führen uns in landestypische Restaurants aus, erzählen uns Geschichten aus ihrem Alltag, zeigen uns alle Ecken und Winkel ihrer Stadt und sind ganz stolz auf diese bei Nacht, die auch liebevoll zweites oder kleines „Las Vegas“ genannt wird, da nachts alle Brunnen bunt beleuchtet werden und man wirklich das Gefühl hat, auf dem kleinen Bruder des „Strips“ zu flanieren.
Da auch die Organisatoren der Rallye vor Ort sind und wir das letzte Team waren, sind wir ein paar Mal zusammen Essen gewesen und wir hatten die Möglichkeit sie zu den Projekten von Habitat For Humanity zu begleiten, die wir mit Spenden unterstützt haben. Wir konnten mit eigenen Augen sehen, wie die BioSand-Wasserfilter funktionieren und Häuser für den extrem kalten Winter isoliert werden.
Dann ist es soweit: am Samstagmorgen, den 17. September, sitzen wir im Flieger in Richtung Heimat. Vier Wochen voller Abenteuer, Action, Erfahrungen, neuer Kulturen, Kuriositäten und Spaß liegen hinter uns. Wir können es kaum glauben, wieder im geregelten deutschen Alltag angekommen zu sein.

Verfasst von Nadine Übelhör, Dez. 2011

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