Adventure Manufactory

Die Last des Alltags abgelegt, fein gebündelt und verstaut auf den Rücken geschnallt. Da ist sie nun, sie wiegt 17 Kilo. Ich gehe los. Allein, zu Fuß, wild campend. Eine gute Kombination, wie sich herausstellt. Es geht von Berlin nach Norden. 5 Kilometer von meiner Haustür entfernt, stecke ich bereits mitten drin, runtergefahren, im Unterwegsmodus. Laufen, rasten, laufen, rasten, Tee kochen, einkaufen für den Tag (bei uns auf dem Lande eine Katastrophe), mehrmals Wasser besorgen, Nachtlager suchen, gemütlich machen, essen, schlafen, Tee, Keks, abbauen, weiter.
Timo - Zu Fuss!

Es ist keine Kraft für unnötige Sorgen, Gedanken oder Ängste. Es konzentriert sich alles auf die Tagesbewältigung, die Grundbedürfnisse, die kleinen Dinge werden wertvoll. Es gibt keine Zeit der Einsamkeit, keinen Raum für Langeweile, keinen sinnlosen Ärger. Ich bin irgendwo, unterwegs, und da bin ich.

Zugegeben, am zweiten Tag gab es gegen Ende einen Tiefpunkt, Erschöpfung, Schmerzen, in Frage stellen. Schnitt. Ich schleppe mich ausnahmsweise zu einer kleinen Oase, es gibt Schnitzel, Pommes und Bier. Ob sonst alles ok ist, fragt die Wirtin. Wir lachen. Ich fühle mich wieder gut. Weiter geht’s.

Worauf kommt es an, was muss ich mit zurücknehmen, was ist das Ziel? Es wird egal und das ist die Basis, ich laufe einfach. Der Kopf ist frei. Ich bin ständig draußen und werde dafür sensibilisiert.

Sonne und Wind reißen sich um die Vorherrschaft, ich muss im Wechsel schwitzen und frieren. Die Sonne weist mir dabei den Weg, der Wind organisiert währenddessen das Wolkenbild zu meinen Gunsten. Wir haben uns arrangiert. Ein gutes Gefühl stellt sich ein. Es wird der Motor für die Reise.

Nach dem gefüllten und auch anstrengenden Tag bietet mir das Land stets eine ungeahnte Gemütlichkeit an ruhigen, geschützten Plätzen. Ein Lager im Wald, ein Bett im Kornfeld, eine Nacht in den Sanddünen. Neue Geräusche werden im Zelt, auch nach einem Schrecken, sachlich eingeordnet, der Schlaf wartet ungeduldig und wird tief.

Ich bin der einzige Wanderer während der ganzen Zeit. Leute grüßen, Hunde kläffen hinterm Zaun, Kühe beobachten mich regungslos (als hätten sie mehr erwartet), Pferde freuen sich, als ich vorbeikomme. Eine Jazz-Taube ruft im 5/4tel Takt, eine Schlange kriecht an mir vorbei, ein Lama steht hinterm Zaun (!?), ein Huhn verliert den Kopf in einem paradiesischen Garten. Als ich um ein Foto bitte, weiß man nicht, ob ich ein Skandalreporter bin und werde trotz meines Verständnisses vorsichtshalber weggeschickt. Sie wollten nur was essen. Hauptsächlich betagte Leute sprechen mich unterwegs an, sie sind gelassen, das bringt die Zeit und Erfahrung mit sich.
 
Auf einem letzten Hügel im Norden öffnet sich schwindelerregend das Land, die Pupillen stellen auf unendliche Weite und verschnaufen, der Boden versinkt im Meer. Weiter geht‘s nach Westen. Das Bild teilt sich den ganzen Tag eintönig in Wasser und Sand, doch sind ihre Formen an jedem Ort in keinem Augenblick so, wie sie jemals waren oder jemals sein werden.

Ein Fisch liegt tot am Strand. Auch Bin Laden soll inzwischen tot sein. Ich gehe lebendig weiter. Meine Katze, in ihrer Übergangspension, weiß ebenfalls von Nichts. Sie fragt sich wohl, ob ich wiederkomme. Schimpfend - aber dennoch kann sie ihre Freude nicht verbergen - empfängt sie mich.

Ich bin 300 km gelaufen, in einer, nach unserem Zeitempfinden, theoretisch kurzen Zeit, aber sie bekam eine andere Dimension. Es war großartig.

Timo Asendorf


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